Lilli Koisser

Trauer in der Arbeitswelt, toxische Männlichkeit und Femizide – Katrin Biber von Seelensport im Interview

Pyjama-Business Podcast Folge 35: Trauer in der Arbeitswelt, toxische Männlichkeit und Femizide - Katrin Biber von Seelensport im Interview

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Inhaltswarnung: Mord, häusliche Gewalt, Suizid, Sexismus, Rassismus

Katrins Schwester Larissa wurde 2013 von ihrem Freund ermordet. Aus ihrer eigenen Geschichte mit bewegter Trauer entstand Katrins Unternehmen „Seelensport„. Im Interview habe ich sie gefragt:

  • 2021 wurden bereits 11 Frauen in Österreich von ihren Männern ermordet. Österreich ist das einzige Land in der EU, in dem mehr Frauen als Männer ermordet werden. Kannst du dir diese Häufung an Femiziden irgendwie erklären?
  • Was ist toxische Maskulinität?
  • Wie hängen das Patriarchat und Femizide zusammen?
  • Wo gibt es hier wiederum Überschneidungen mit Rassismus?
  • Welche Erfahrungen hast du mit Trauer in der Arbeitswelt gemacht (oder deine Kund*innen)?
  • Du bist gerade mit einem Sohn schwanger. Wie wird dein Wissen über diese ganzen Themen deine Erziehung beeinflussen? Was können Eltern generell tun, um Geschlechter-Stereotypen, Abhängigkeiten in der Partnerschaft und häuslicher Gewalt entgegenzuwirken?
  • Du bist heute Unternehmerin mit Seelensport und Autorin mit zwei Büchern. Wie war es für dich, aus deinem Schicksalsschlag eine unternehmerische Idee zu entwickeln? Welche Reaktionen gab es darauf und welche Hindernisse?
  • Wie gehst du mit Medien, sozialen Netzwerken und Hass-Kommentaren um?
  • Was tust du, wenn dir mal die Kraft fehlt?
  • Was gibst du Unternehmer*innen mit, die in sozialen Bereichen gründen oder sich in ihrem Business mehr zu gesellschaftlichen Themen äußern möchten?

Du kannst auf Instagram unter katyeule, seelensport und lillikoisser gerne deine Fragen und Gedanken zum Interview mit uns teilen! 

Transkript der Folge:

Lilli: Hallo und herzlich willkommen zurück zu einer neuen Folge im Pyjama-Business-Podcast. Ich freue mich, dass du heute wieder dabei bist. Heute habe ich nämlich wieder eine ganz besondere Gästin mit für dich. Wir haben uns, ich glaube, es müsste 2017 gewesen sein, bei einem Texter-Treffen kennengelernt, das ich organisiert habe.

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Und wir sind in Wien in so einer kleinen Runde, fünf, sechs Leute, gesessen und haben geteilt, woran wir arbeiten, was wir schreiben oder texten. Und als die Katrin dran war, hat sie gesagt, ich möchte ein Buch schreiben. Und ich so: cool, was für ein Buch?

Ich finde, man hat an deinem Gesichtsausdruck oder deiner Haltung schon so ein bisschen diesen Gedankengang gemerkt, wenn ich das jetzt sage, dann geht es los. Dann wird die Büchse der Pandora geöffnet. Und du hast dann aber gesagt, was wir passiert ist. Das kannst du gleich gerne selbst erzählen.

Und genau, so haben wir uns kennengelernt. Und seitdem sind wir verbunden. Über Instagram sehen wir uns fast jeden Tag. Katrin Biber von Seelensport, herzlich willkommen und schön, dass du da bist. Und danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilen möchtest.

Katrin: Ja, danke, liebe Lilli. Und danke vor allem für die Einladung. Ich freue mich, dass ich Teil davon sein darf. 

Lilli: Ich freue mich total, dass du dabei bist. Und vor allem, dass wir diese Themen im Podcast besprechen können und dass du gesagt hast, du möchtest auch über deine Geschichte sprechen. Und ja, vielleicht steigen wir damit gleich mal ein. Was ist dir passiert? Und wann war das? Und genau. Erzähle einmal.

Katrin: Ja, ich bin in Tirol mit meinen drei jüngeren Schwestern aufgewachsen. Und ja, mein Leben ist relativ normal verlaufen, wenn man das so bezeichnen kann. Studentin war ich und habe Geschichtswissenschaften studiert.

Und im September 2013 war es dann so, dass meine Schwester von heute auf morgen praktisch nach einer Party, die ich veranstaltet habe, verschwunden war. Sie hat angeblich bei ihrem Freund übernachtet und ist am nächsten Tag aber aus der Wohnung von ihm weg gewesen.

Er hat mich kontaktiert, hat mir Bescheid gegeben, ja, ob ich wüsste, wo die Larissa, so war oder ist ihr Name, ist. Und dann habe ich natürlich keine Ahnung gehabt. Und es war für mich sofort klar, wenn sie da mitten in der Nacht nicht zu mir gegangen ist und die Wohnung scheinbar verlassen hat, dann muss doch etwas passiert sein.

Und so ist dann die Suche nach meiner Schwester losgegangen und ist dann ungefähr zwei Wochen lang gegangen. Und echt bis ganz Österreich. Man hat echt bis nach Wien, Deutschland, ich glaube, teilweise sogar England auch schon Medienaufrufe gestartet, um nach ihr zu suchen.

Und nach zwei Wochen ist dann rausgekommen, dass er, der Freund, sie in jener Nacht erwürgt und anschließend im Inn, dem Stadtfluss von Innsbruck, entsorgt hat. Und ja, wenn man auch nur das Wort Mord hört, ist es etwas, wo man meistens in Krimis et cetera konfrontiert wird.

Derzeit jetzt vielleicht gerade aktuell noch mehr in den Medien durch die vielen Femizide. Aber grundsätzlich ist es etwas, was von einem sehr realitätsfern ist. Und genauso habe ich gefühlt. Ich habe mir gedacht, ich bin in einem Film oder so. Sowas kann ja nicht wahr sein.

Und ja, ich bin dann natürlich ziemlich zusammengebrochen, habe einen ziemlich heftigen, intensiven Trauerweg bestreiten müssen und bin da sehr viele Wege falsch abgebogen, sage ich mal so, wenn man das so bezeichnen kann. Man weiß ja nicht, wie man weiterleben soll.

Und aus dem Ganzen heraus habe ich schlussendlich den Seelensport gegründet, weil ich dann selber zum Sport gefunden habe. Ich war früher überhaupt nicht sportlich, aber meine Schwester war es immer. Und ich habe dann angefangen zu trainieren und habe ganz schnell gemerkt: da bewegt sich ganz vieles in mir.

Nicht nur meine Muskeln oder mein Körper, sondern ebenfalls meine Gefühle. Und ich habe mich das erste Mal, seit sie gestorben ist, wieder lebendig gefühlt. Und deswegen bin ich dann drangeblieben, habe auch für sie weitertrainiert. Und das hat wirklich mein Leben gerettet.

Und ich habe mir dann die ganze Zeit gedacht: wieso können wir nicht irgendeinen Sport haben, der irgendwie für trauernde Menschen ist? Wo wir trauernden Menschen einen Raum für diese Gefühle geben, unseren Körper damit integrieren und ihn auf diese Art und Weise kräftigen, die Kraft der Gefühle nützen.

Und ja, dadurch dass es das nicht gegeben hat, habe ich mir gedacht, dann mache ich es selber. So ungefähr. Und habe es dann über Jahre konzipiert und ganz viele Ausbildungen in dem Bereich gemacht. Und ja, und habe dann den Seelensport gegründet. Und nebenbei noch – nebenbei ist gut – zwei Bücher geschrieben. So, genau.

Lilli: Vielen Dank fürs Teilen. Wer deine Geschichte im Detail erfahren will, der kann ja gerne dein Buch lesen, oder? Larissas Vermächtnis. 

Katrin: War das erste.

Lilli: Kann ich gerne in den Shownotes verlinken. Und das andere Buch heißt dann Seelensport, oder? Wo es mehr um

Katrin: Genau.

Lilli: deine Methode geht. 

Katrin: Genau.

Lilli: Du hast gerade schon die Femizide in Österreich angesprochen. Alleine dieses Jahr, 2021, wurden schon elf Frauen in Österreich von ihren Männern, Partnern, Ex-Partnern ermordet. Und ich habe eine Studie gesehen, dass Österreich das einzige Land in der EU ist, in dem mehr Frauen als Männer ermordet werden.

Und durch deine Geschichte, dein Unternehmen und deinen Content sprichst du auch sehr oft über diese Themen und machst darauf aufmerksam. Häusliche Gewalt, Femizide, also Frauenmorde, et cetera. Hast du dafür irgendeine Erklärung, warum das gerade in Österreich so ist?

Katrin: Ich glaube gar nicht, dass es nur in Österreich so ist. Ich glaube, dass dieser Vergleich, was ich jetzt auch schon öfter gelesen habe, Österreich ist das einzige Land, wo mehr Frauen sind. Ich weiß zum Beispiel, in Frankreich sind es mehr Männer, die ermordet werden. Aber trotzdem ist das gleiche Problem da.

Nur weil es vielleicht ein, zwei weniger sind, heißt es nicht, dass es dieses Problem dort gar nicht gibt, sondern das gibt es genauso. Und warum es gerade in Österreich jetzt mehr Frauen sind, wie gesagt, ich kann mit dem Vergleich nicht so viel anfangen, weil ich finde, dass die anderen Länder genauso davon betroffen sind.

Und dass es generell ein gesellschaftspolitisches Thema ist, das einfach wirklich weltweit ein Thema ist. Und es liegt im Grunde genommen ganz viel an diesem patriarchalen System, was wir weltweit haben. Und nicht nur in Österreich. Österreich ist auch gerade ein Land.

Und aktuell ist es vielleicht gerade ein bisschen mehr der Fall, aber die Thematik betrifft einfach weltweit. Und ich finde, wir können es nicht nur auf Österreich hinschieben, weil dann verschließen wir uns wieder von dem generellen Problem, das wir haben. Und ja, es liegt einfach weitgehend natürlich an diesem patriarchalen System. Ja. 

Lilli: Du weist ja auch immer wieder darauf hin, dass häusliche Gewalt zum Beispiel in allen Bereichen der Welt, in allen Bildungsschichten, sage ich mal, vorkommt, egal welche Herkunft, Religion. Weil die Leute da auch immer so Unterschiede machen wollen, oder? Oder das einer bestimmten Personengruppe zuschieben wollen.

Aber da kommen wir dann eh gleich noch drauf zu sprechen. Du hast jetzt schon mehrmals die patriarchalen Strukturen, in denen wir alle leben, und das System angesprochen. Kannst du kurz sagen, was ist das Patriarchat? Und was ist auch toxische Maskulinität? Was ja eigentlich eine Folge davon ist, oder?

Katrin: Ja, definitiv. Das sind unsere größten Probleme, die wir haben. Es ist einfach alles praktisch von Männlichkeit bestimmt, oder? Alle Gesetze, Regeln et cetera. Es ist einfach hauptsächlich viel von Männern bestimmt. Und das immer über Frauen darübergestülpt.

Und wenn wir uns bestimmte Gesetze anschauen, 1997 war das, glaube ich, dass es als Straftat gilt, wenn man in der Ehe vergewaltigt, sexuell missbraucht et cetera wird. Und dieses Gesetz davor ist ja auch von Männern gemacht worden, oder?

Wenn wir uns noch an diese Diskussion in Deutschland und so erinnern, da sind hauptsächlich Männer dringesessen, die das bestimmt haben. Oder auch mit Abtreibung zum Beispiel waren auch hauptsächlich Männer, die das Ganze wieder bestimmt haben. Das ist einfach dieses System.

Wir haben lange Zeit gar keine Stimme wirklich gehabt. Wir haben überhaupt nicht mitreden dürfen. Es ist einfach alles bestimmt worden. Es sind Gesetze entworfen worden. Und wir haben als Frauen einfach, ja, folgen müssen. So ungefähr. Gehorchen müssen.

Und nur weil es jetzt mittlerweile ja auch andere oder neue Gesetze gibt, es tut sich ja natürlich was, gibt es aber trotzdem noch diese Riesengruppe an Männern von damals, die gedanklich noch immer in dem drin sind und das noch immer so weiterleben. Und deswegen sind wir auch nicht damit fertig.

Und deswegen haben wir jetzt auch nicht alle Freiheiten, nur weil sie gerade gesetzlich so beschlossen worden sind. Es muss einfach auch gedanklich erst viel mehr passieren. Und das liegt jetzt natürlich hauptsächlich auch an uns junge, die jetzt da vielleicht das ganze System durchbrechen und sagen: aber wir machen es jetzt anders.

Anfangen dann natürlich auch mit unseren Kindern. Und die toxische Maskulinität ist ja dieses typische Verhalten dann auch, wo Männer zum Beispiel nicht dürfen. Das fängt bei Gefühlen an. Wenn wir hinschauen, Männern werden nur bestimmte Gefühle wie Wut zugesprochen. Die dürfen wütend sein.

Oder bestimmte Charaktereigenschaften, erfolgreich, zum Beispiel mutig und so weiter. Und bei Frauen ist es wiederum, die sind ja immer so emotional in Richtung Traurigkeit und so. Die weinen viel. Und wenn ein Mann mal weint, dann wird er gleich als zum Beispiel Pussy beschimpft, wenn ich das so sagen darf.

Und das ist ein Problem, wenn Männer nicht menschlich sein dürfen, sage ich jetzt mal. Auch diese weibliche klassische Seite, wie wir es jetzt da zugeordnet haben, nicht zeigen dürfen. Ja, das führt schlussendlich auch viel zu Gewalt, weil irgendwann muss es ja rauskommen und irgendwo muss es ja passieren. Und das nun mal oft der Gewaltweg, ja. 

Lilli: Ja, Aggression ist ja oft so der einzige akzeptable Weg für Männer, ihre Gefühle auszudrücken, oder?

Katrin: Ja, definitiv. Und ich merke es zum Beispiel auch jetzt noch im Trauerbereich in meinen Wut-Workshop, den ich so schon gemacht habe. Da sind immer viel mehr Männer drinnen als wie in anderen Workshops oder so.

Und wenn man Männer im Trauerbereich fragt, dann ist es so häufig diese Wut, die sie benennen, weil sie da zu dieser Traurigkeit keinen Zugang haben. Weil sie die Wut darüberstülpen. Aber hinter dieser Wut steckt ganz viel Verletzlichkeit, Traurigkeit, einfach auch ein zartes, menschliches Wesen. Es ist einfach so.

Und ja, sie sind genauso Menschen. Wir Frauen und Männer sind einfach alles Menschen. Und wir haben alle Emotionen. Und genauso dürfen auch Frauen mal wütend sein, mal auf den Tisch schlagen. Aber da heißt es ja gleich, wir sind hysterisch, nicht unter Kontrolle oder irgend sowas. Und das ist wirklich problematisch, ja.

Lilli: Und wie drücken sich dann diese Geschlechterrollen, die wir zugewiesen bekommen, zum Beispiel in einer Beziehung, einem Haushalt oder einer Familie aus? Und dann zum Beispiel auch bei einer Trennung? Weil ich glaube, das ist ja der gefährlichste Zeitpunkt für diese Femizide, oder?

Katrin: Ja, das ist absolut der gefährlichste Zeitpunkt. Und ich finde das auch ganz spannend, vielleicht kennst du auch den Reinhard Haller. Das ist einer von dem berühmtesten Psychiater. Der hat auch wirklich ganz viele tolle Bücher geschrieben.

Und der hat das so weit erklärt, früher zum Beispiel, wo noch diese scharfen Gesetze waren, wo Frauen zum Beispiel auch kein eigenes Konto besitzen haben dürfen, nicht selber entscheiden dürfen, ob sie arbeiten gehen oder nicht und die Erlaubnis praktisch erst von ihrem Ehemann gebraucht haben.

Da waren Frauenmorde genauso da, aber sie haben noch einen anderen Hintergrund gehabt. Oft waren es so, sagen wir mal, Psychopathen, die wirklich einfach auf fremde Frauen losgegangen und auszuckt sind und so weiter. Und heute ist dieser Fall ganz klar da, dass es hauptsächlich Männer sind, die in Beziehungen stecken oder sich gerade getrennt haben.

Die Frauen trennen sich dann meistens von den Männern. Und die Männer das als so krass tiefe Kränkung empfinden und mit diesem Wandel, der da gerade passiert, überhaupt nicht umgehen können und dann praktisch nur diese Gewalt in Aussicht haben.

Wie du es schon gesagt hast, nur diese Aggressivität kennen, weil sie ja in ihrem Denken voll da drinnen sind, die Frau ist ja die schwächere Person. Es kann ja nicht sein, dass mich jemand ablehnt. Ich bin doch der Mann, das Starke. Ich habe eine Machtposition.

Wie ich stehe ich dann vor meinen Kollegen und so weiter da, wenn mich diese Frau jetzt verlässt? Und das führt ganz oft dann zu dieser Gewalt beziehungsweise im schlimmsten Fall auch zu Mordfällen, ja. 

Lilli: Danke dafür. Und wir sind vorher drauf zu sprechen gekommen, wo jetzt auch wieder die Überschneidungen mit Rassismus sind. Oder wo diese Femizide, häusliche Gewalt oder Diskriminierung von Frauen generell entweder einer gewissen Herkunft, Religion oder so zugeordnet werden.

Und du hast auch letztens geschrieben, die Leute haben dich immer gefragt: na, woher kommt der? Und du hast dann gesagt: na, aus Tirol. Und dann haben sie gesagt, das kann ja nicht sein und das ist dann ein Einzelfall. Kannst du dazu sagen, wo da die Überschneidung zum Rassismus ist, bitte?

Katrin: Ich muss echt sagen, das klingt jetzt komisch, aber ich war so froh, dass es ein Tiroler war. Weil diese Hetze, was da schon passiert, diese Wut, dieser Zorn von der Gesellschaft in den Kommentaren und so, das war ja damals, 2013, auch schon da, oder? Das war echt schon ganz schlimm.

Die Leute haben ihm alles gewünscht, mit zerfetzen, Todesstrafe und so weiter. Und ich war immer ein Mensch, der sehr friedlebend, weltoffen und so ist. Und dann habe ich mir die ganze Zeit nur gedacht: mei, Gott sei Dank ist der ein Tiroler. Ich will nicht wissen, was ich mir als Angehörige alles anhören muss, wenn er nicht Tiroler gewesen wäre.

Weil wie du gesagt hast, die Leute sind auch mich zugekommen und haben immer diese Frage gestellt. Woher ist er gekommen? Und immer dieser Blick von ihnen zu sehen, wenn ich sage, er ist Tiroler. Das mega Erstaunen. Nein! Aber wie kann denn ein Tiroler? Na, der muss ja wirklich psychisch krank sein, weil ein Tiroler tut sowas ja nicht.

Das machen ja nur die, die da unten aus dem Süden kommen. Es ist ja auch schon diese Spaltung alleine, oder? Im arabischen Raum oder so, wo es herkommen, dann ermordest du jemanden. Aber wenn es ein Engländer wäre, dann ist es wieder nicht so. Es ist einfach totaler Irrsinn. Und genau das passiert ja jetzt in der Politik dann.

Es wird immer wieder aufgegriffen. Woher kommt der, oder? Es wird immer beschrieben, woher er kommt der. Und dann war es wieder irgendwer von serbischer Herkunft, keine Ahnung, er selber schon gar kein Serbe ist oder so. Und dann geht man auf nur das und sagt: das ist das einzige Problem.

Und wenn wir die beseitigen, dann haben wir das nicht. Und das ist echt sowas von, Entschuldigung, dumm und blind. Weil Gewalt einfach, egal in welcher Religion und Herkunft, passiert. Und wir Tiroler*innen sind nicht weniger gewalttätig. Nur wir führen Gewalt dann anders aus. Es ist anders sichtbar.

Es ist vielleicht unterschwelliger und so. Es passiert zum Beispiel viel in Kommunikation, also viele Beschimpfungen, Unterdrückungen und so weiter. Einfach auf eine andere Art und Wiese. Aber es ist dennoch Gewalt. Da gibt es dann nicht den Unterschied. Und am Ende, ja, ist es immer der Mord, der da steht.

Und der passiert, egal ob es ein Tiroler, Serbe, Kroate, Engländer oder so war. Und das finde ich irgendwie da so wichtig zu erkennen, dass das ein grundlegendes Problem in dem patriarchalen System gibt und nicht, woher dieser Mensch kommt.

Und wenn wir das ständig vor uns führen oder immer wieder reinholen, ja, der kommt da her und wenn wir das machen, werden wir so nie zu einer Lösung kommen. Es wird niemals besser werden, wenn wir uns das nicht eingestehen und einmal Verantwortung übernehmen.

Und ich glaube, dass sich viele einfach auch schwertun oder das vielleicht nicht sehen wollen. Mei, dann könnte ja mein Freund, der auch ein Tiroler ist. Und ich glaube schon, dass viele Leute so nachgedacht haben: stimmt, die eine Beziehung, wo ich gesehen habe, der Typ ist schon auch immer ein bisschen aggressiv unterwegs.

Wer weiß, was sie sich da wieder dann reinreden oder einreden, dass es ihnen besser geht. Man will es nicht sehen.

Lilli: Voll.

Katrin: Und dann, plumps, passiert der Mord. Nein, von dem? Der war doch immer so nett. Hat aber vielleicht schon ewig irgendwie immer irgendwelche frauenverachtenden Kommentare irgendwo abgelassen oder so.

Lilli: Glaubst du, dass das in unserer Gesellschaft teilweise schon so normal ist

Katrin: Ja.

Lilli: dass die Leute das irgendwie nicht mehr wahrnehmen?

Katrin: Ja, ich glaube auch, dass vieles so normal ist. Und man sieht es ja bei vielen Frauen. Ich war ja selber so, wo ich noch jung war. Wenn dich jemand angrapscht und so, das ist ganz normal. Du gehst in die Disco und dann haut dir mal jemand auf den Arsch. Ist ja normal. 

Lilli: Voll.

Katrin: Und wir sollten das eigentlich ja so sehen, bedeutet, ich habe einen geilen Arsch, so ungefähr. So in die Richtung.

Lilli: Ist ja ein Kompliment, oder?

Katrin: Genau. Das ist einfach mega krass. Und ja, da muss sich natürlich im Denken definitiv was ändern. 

Lilli: Bei mir war es früher genauso. Und wenn du es dann einmal gesehen hast, was das Patriarchat ist, wo es sich überall durchzieht und wie arg und schlimm das eigentlich alles ist, dann kannst du es auch nicht mehr nicht sehen.

Katrin: Ja, total.

Lilli: Man kann da jetzt nicht wieder die Augen zumachen und sagen: ach so, nein.

Katrin: Ich bin dann sowieso, durch das, was ich erlebt habe und so, so richtig drauf sensibilisiert. Und es ist dann wirklich egal, wo du hinschaust, redest. Egal, ob es bei einem Grillfest ist und so und du sitzt da.

Ich tue mich dann echt schwer, überhaupt noch auf so einem Fest zu sitzen und da ruhig zu bleiben. Weil ich mir denke: boah, hey, höre dir mal an, was du gerade so gesagt hast. Das macht richtig aggressiv.

Lilli: Voll.

Katrin: So. 

Lilli: Und man hat dann auch nicht immer Lust zu diskutieren. 

Katrin: Ja, voll.

Lilli: Vor allem, wenn man weiß, das bringt bei dem oder der jetzt eh überhaupt nichts.

Katrin: Total. Ich denke mir das auch oft. Ich würde gerne was sagen, aber man weiß, da sitzen gerade zehn Menschen. Acht davon sind wahrscheinlich eher in diesem patriarchalen Ding drin und denken, das ist alles normal.

Wenn ich jetzt anfange, du hast dann fast keine Chance. Und dann gehst du und es ist aber trotzdem in deinem Kopf. Und das ist dann schon manchmal belastend. Ja. 

Lilli: Gut. Ich wollte eigentlich, das war der Grund, warum ich dich damals ursprünglich zum Podcast-Interview eingeladen habe, über Trauer in der Arbeitswelt reden. Da kommen wir jetzt auch wieder in den Kapitalismus rein.

Wenn wir nicht funktionieren können, wenn wir zum Beispiel trauern, dann sind wir ja ein Problem. Und so Trauer, Tod, Abschied nehmen und so findet irgendwie auch gar keinen Platz in der Arbeitswelt. Wie siehst du das? Oder welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Oder auch deine Kund*innen?

Katrin: Ich selber war ja zu dem Zeitpunkt, wo die Larissa gestorben ist, nicht arbeitstätig. Ich war ja im Krankenstand, weil ich vorher eine Knieverletzung gehabt habe. Und dann habe ich einfach den Krankenstand auch verlängert, weil es mir psychisch nicht gut gegangen ist.

Und wo ich dann wieder in die Arbeit zurück bin, ich habe es aber auch bei meiner Familie gesehen, die haben gearbeitet. Es ist verdammt schwierig. Weil wie gesagt, Trauer bringt einfach so viele Emotionen mit sich. Und wenn ich natürlich trauere, dann weine ich oft und viel. Und oft auch unkontrolliert. Das passiert einfach.

Und meine jüngste Schwester zum Beispiel hat damals im Spar gearbeitet, das war, glaube ich, in der Obstabteilung oder so. Und sie hat immer wieder erzählt, sie ist da gestanden und dann kommen Leute, die dann sagen: mei, die Banane hat eine braune Stelle, warum sie das nicht aussortieren und so weiter.

Und sie hat gesagt, manchmal hat sie sich vorgestellt, wie sie die Banane über den Grind der Frau schlägt, die das gesagt hat oder so. Weil sie gesagt hat: was ist mit der? Und das hat sie oft einfach zum Weinen gebracht dann in dem Moment. Nur das geht in unserer Gesellschaft nicht.

Nein, du musst freundlich und natürlich fröhlich den Kunden begegnen und so. Und bei ihr haben sie zum Beispiel die Lösung dann gemacht, sie haben sie die ersten Monate hinten ins Lager versetzt, wo sie dann in Ruhe arbeiten hat können. Es gibt zum Beispiel bei vielen Sachen Kunden, wo man wirklich direkt mit dem Kunden ist.

Die Chef-Leute setzen sich mittlerweile oft dafür ein, dass sie dann irgendwie anderwärtig arbeiten können. Dass sie schon arbeiten können, weil das ist irgendwie schon wichtig, wieder in die Arbeitswelt zu finden.

Aber dass sie vielleicht nicht ständig diese Fassade aufrechterhalten müssen, sondern irgendwie was anderes derweil machen können. Oder Stunden reduzieren und so weiter. Oder Pausen machen, wenn es ihnen nicht geht. Es gibt schon einen kleinen Wandel, muss man sagen. Da tut sich schon langsam was.

Aber grundsätzlich ist es natürlich in der Arbeitswelt, aber auch in der Gesellschaft, auch einfach problematisch, dass man immer zu 100 Prozent diese Leistung erbringen muss. Gerade wenn wir angestellt sind. Dann muss dieser Termin da eingehalten werden und so weiter.

Und niemand kann jetzt Rücksicht auf deiner Trauer nehmen oder dass es dir nicht so gut geht. Gerade, wo ich auch das Problem sieht, wenn wir weiter so leistungsorientiert, so auf 100 Prozent Drill und funktionieren, wie du sagst, das ist nicht menschlich, das ist nicht normal und gesund für uns alle, auch wenn kein Trauerfall vorliegt.

Und was passiert dann? Wir werden irgendwann dadurch krank, weil jeder erlebt irgendwann eine Krise, einen Verlust, hat Kinder daheim, ist überfordert und so weiter.

Lilli: Voll.

Katrin: Und es ist ja schon so weit. Ich meine, wie viele Burnouts, Depressionen und Reha-Kliniken, die einfach überfüllt sind, gibt es?

Vielleicht sollte man da wirklich generell umdenken und sagen: ja, vielleicht weniger Tage oder zum Beispiel Vier-Tage-Woche oder so machen oder flexibler arbeiten können, weniger Druck, Leistung und so weiter. Und einfach an unseren Körper, unseren emotionalen Zustand angepasst.

Das wäre natürlich für uns alle gesünder, aber vor allem natürlich auch für Trauernde, weil, ja, es ist einfach fast unmöglich. Und das erzählen auch alle meine Kund*innen. Wirklich alle haben das gleiche Phänomen, wo sie sagen, niemand hat verstanden, auch vor allem ein Jahr später oder so, ja, warum weinst du denn jetzt noch?

Kommt dann immer daher. Das versteht oft einfach niemand. Ja, kaum Verständnis, was Trauer überhaupt ist oder wie sie funktioniert, wissen die wenigsten, wenn sie nicht selber irgendwie damit konfrontiert worden sind. Und da sollte es definitiv mehr Aufklärung geben. 

Lilli: Trauer und Tod ist ja irgendwie noch immer so ein Tabuthema, wo niemand darüber spricht, obwohl wir alle davon betroffen sind, wie du gerade gesagt hast, irgendwann in unserem Leben. 

Katrin: Ja.

Lilli: Das ist eigentlich total kurios. 

Katrin: Ja, es redet kaum jemand, weil es natürlich auch Angst macht. Das erinnert an die eigene Endlichkeit. Man wird erinnert. Ja, stimmt. Ich kann auch sterben. Und das jede Minute oder Sekunde. Und natürlich will sich niemand damit beschäftigen, aber es ist so. Wir kommen nicht drum herum, weil wir sterben nun mal alle.

Und das zu jeder Zeit, jeden Tag. Und zum Beispiel die Corona-Situation hat uns das ganz deutlich vor Augen gehalten, wie sterblich wir wirklich sind. Und dass wir das nicht irgendwie beiseiteschieben können und uns eher damit beschäftigen sollten. Ja. 

Lilli: Du bist ja heute Unternehmerin mit Seelensport und Autorin mit deinen zwei Büchern. Wie war es für dich?

Du hast es ja in deinem Buch Larissas Vermächtnis beschrieben, wie du dann aus deinem eigenen Trauerweg diese unternehmerische Idee bekommen hast, auch anderen trauernden zu helfen und auch deine eigene Sportmethode entwickelt hast. Kannst du uns da mal so ein bisschen mit reinnehmen, wie der Weg war?

Katrin: Selber trainieren habe ich im Frühjahr 2014 angefangen. Das war da zu der Zeit. Und dann war so das erste Ziel erstmal, dieses geschichtswissenschaftliche Studium zu beenden, dass ich das auch mal erfolgreich zu Ende bringe.

Und das habe ich dann im Frühjahr 2015 gemacht. Und der Traum von mir und der Larissa war immer, gemeinsam nach Wien zu ziehen, dass ich Archivwissenschaften weitermache und sie wollte immer technische Physik studieren.

Und erst habe ich noch so überlegt: soll ich jetzt wirklich ohne sie nach Wien gehen? Und habe mir dann gedacht: nein, ich muss das machen, ich habe es ihr versprochen. Ich gehe jetzt nach Wien. Meine Sachen alle verkauft, zack, nach Wien gegangen.

Und bin dann angekommen und habe mir gedacht, ich will nicht mehr in ein Archiv, ich will was anderes machen. Ich muss was mit Sport machen. Es geht nicht anders. Irgendwas in mir brennt, ich muss was mit Sport machen. Ich habe keine Ahnung gehabt, in was für Richtung das Ganze gehen soll.

Aber ich habe gewusst, mit Sport muss es sein. Bin dann ins Arbeitsmarktservice gegangen und habe natürlich gesagt: ja, ich suche eine Arbeit, ich würde gerne in einem Fitnessstudio arbeiten. Das war ein lustiger Tag. Und der Mann ist so da gehockt und hat gesagt: Sie sind doch Historikerin, oder? Sie haben doch Geschichte studiert.

Dann habe ich gesagt: ja, eh, aber das mag ich nicht mehr. Ich will was mit Sport machen. Hat er gesagt: ja, aber Sportausbildung haben Sie keine, oder? Dann habe ich gesagt: nein, eh nicht, aber ich bin voll motiviert. Und er so: nein, das geht nicht.

Wo soll ich denn arbeiten? Niemand nimmt mich, wenn ich keine Ausbildung oder so in dem Bereich habe. Dann habe ich mir gedacht: na super, Trottel. Dann bin ich erst rausgegangen und habe mir gedacht: gut, dann recherchierst du selber, suchst ein paar Fitnessstudios raus, schreibst sie an.

Und ich bin dann tatsächlich gleich einmal genommen worden bei einem Fitnessstudio. Ein Frauen-Fitnessstudio war das, nur für Frauen. Ohne Ausbildung. Aber scheinbar war ich wirklich so motiviert, dass sie mich nahmen. Hat ganz gut funktioniert.

Natürlich war es jetzt echt kein Job, wo man sagen kann, ja, der ist jetzt wirklich auf Augenhöhe, gut bezahlt und sowas. Es waren echt 60 Stunden die Woche, oft Überstunden und dann für 900 Euro oder so im Monat. Aber es hat mich in dem Moment gerade einfach glücklich gemacht, dass ich das machen kann, was ich gerade so machen wollte.

Irgendwann habe ich mir dann gedacht, das funktioniert dann nicht mehr. Auf Dauer kann ich so auch nicht leben und weitermachen. Ich brauche Ausbildungen. Ich muss mehr rund um den Sport und Muskulatur wissen, weil ich habe mich ja echt nicht ausgekannt.

Und habe dann gekündigt, bin dann zur Versicherung, also im Archiv so, gegangen, wo ich viel besser verdient habe. Und habe da dann währenddessen die Ausbildungen im Sportbereich dann auch startet.

Und angefangen mir zu überlegen: wo kann die Reise hingehen? Wie soll dieses Konzept mal ausschauen? Was will ich wirklich? Wen will ich erreichen? Mit wem will ich trainieren? Und das alles einfach mal analysiert, mich gefragt, zusammengekritzelt und so.

Und es war dann Anfang 2017, wo ich dann mit dem Ganzen wirklich fertig war und praktisch startklar war, die ganzen Ausbildungen geschafft, noch den Trauerbegleiter oben draufgesetzt und das Ganze einfach verbunden, ganz viel gelesen, recherchiert und so. Und ja, und dann ist dieser Begriff Seelensport auf einmal da gewesen.

Ich habe natürlich recherchiert, wie man es so macht. In Google gibt es den Begriff natürlich schon. Schau, ob der noch frei ist, Domain sichern und so weiter. Und das hat dann alles super hingehauen. Und dann habe ich im September 2017 gegründet.

Und mein Ziel war aber am Anfang wirklich immer, muss man sich vorstellen, ich wollte einfach nur mit Trauernden trainieren, ihnen diese Methode, dieses Konzept in Einzeltrainings oder Kursen weitergeben.

Und dann ist später so krass die Nachfrage gekommen: kann ich dein Konzept auch in meine Physiotherapie, Psychotherapie und sowas irgendwie einbauen? Ich finde das so spannend und so weiter. Ich würde gerne von dir lernen.

Und da ist dann so das erste Mal in meinem Kopf gekommen: ach, vielleicht sollte ich ja eine Ausbildung dazu konzipieren. Und dann ist die Reise wieder von vorne losgegangen. So: oh Gott, wo fängt man denn da an? Wie macht man das?

Marke sichern, weil der Name muss natürlich international gesichert sein, weil Schweiz ist auch deutschsprachig und so weiter. Dann ist das Ganze losgegangen. Und ein Ausbildungsbuch geschrieben, Konzeptaufbau und wie man es weitergeben kann und so habe ich dann alles so in einem halben Jahr gemacht.

Und dann sind die Ausbildungen gestartet und die erste war eh gleich ausgebucht. Es hat auf Anhieb so funktioniert. Ja, und jetzt stehe ich da. Dazwischen auch die zwei Bücher geschrieben.

Lilli: So nebenbei.

Katrin: Genau. Aber so in etwa

Lilli: Wie heißt das zweite Buch?

Katrin: war die Reise. 

Lilli: Ja, Wahnsinn. Heißt das, dass du Lizenzgeberin bist?

Katrin: Genau.

Lilli: Kaufen die Leute Lizenzen und die Ausbildung von dir, damit sie das dann selbst zertifiziert anbieten können?

Katrin: Genau, so. Sie kriegen eine Lizenz. Rechte, Pflichten und so weiter von meiner Seite, aber auch von ihrer Seite sind in dem Lizenzvertrag festgehalten. Und werden dafür auch ständig betreut. Ich habe ein eigenes Chatting, wo ich sie ständig betreue. Sie haben eine eigene Seite auf meiner Website und so weiter.

Ich bin da weiterhin Ansprechpartner. Und nicht, wie es bei vielen anderen Ausbildungen jetzt ist, wenn man jetzt nur den Trauerbegleiter macht. Oder? Dann macht man die Ausbildung und dann ist man auf sich alleine gestellt. Das ist jetzt als Lizenzgeberin da nicht. Ich betreue weiter, genau. 

Lilli: Und wie viele Leute hast du da aktuell ungefähr?

Katrin: Jetzt mittlerweile 30.

Lilli: Cool.

Katrin: Ja.

Lilli: Und wie ist das dann?

Katrin: Was?

Lilli: Wie ist das, wenn sich deine Idee dann so weiterverbreitet? Das muss ja voll arg sein, oder?

Katrin: Voll arg, mega krass. Das Ganze war schon sehr emotional. Es war auch mit extrem viel Angst verbunden, muss ich sagen, weil sich so einen Schritt zu trauen, dass man sowas geht, oder?

Ich weiß noch, die erste Ausbildung, ich habe gezittert, schweißgebadet, weil ich mir gedacht habe: mache ich das gut, was ich da mache? Kommt das wirklich an? Bringe ich das so rüber und so weiter? Das hat so viel Kraft und Nerven noch gekostet, aber es war so wert.

Und dieses Feedback dann, ich kriege ja jetzt so die ganze Zeit Feedback von den Trainer*innen, so von ihren Kund*innen. Die erzählen mir dann: mei, ich habe heute ein Einzelding gehabt und das war so cool. Die war so dankbar und hat so losgeweint. Und die Übung hat ihr am meisten gefallen und so.

Danke für dein Konzept, ich kann so super damit arbeiten und so. Und dann sitze ich da immer vorm Laptop und muss Rotz und Wasser weinen. Freue mich voll mit, dass das doch so aufgegangen ist. Und man entwickelt sich da auch immer weiter. Die erste Ausbildung hat anders ausgeschaut, wie jetzt natürlich die Ausbildung ausschaut.

Und ich sage immer, jeder, der irgendwie sowas starten will, macht es einfach. Und der Rest entwickelt sich dann eh mit jedem Tun. Weil nur mit dem Tun siehst du dann, oh, wo passieren die Fehler? Immer Feedback holen. Oder?

Und Fehler passieren immer. Man kann es nicht wirklich als Fehler bezeichnen. Aber man wächst in das Ganze rein. Und es wird dann schon einfacher. Und jetzt habe ich für nächstes Jahr schon über 50 Anmeldungen. 

Lilli: Wow! Gratuliere!

Katrin: Danke. 

Lilli: Und ich glaube, du bietest jetzt auch einen Onlinekurs für Privatpersonen an, oder?

Katrin: Genau. Einmal im Jahr findet dieser Adventskalender statt, weil das habe ich mir damals für mich auch gewünscht. Vieles habe ich so gemacht. Wie ist es mir gegangen? Was habe ich mir gewünscht? Und für mich war wirklich die Vorweihnachts- und Weihnachtszeit eine der schwersten.

Und ich habe mir gedacht, kann ich da nicht irgendwas anbieten? Und habe dann auch schon gleich 2017, muss man sich vorstellen, im September 2017 habe ich gegründet und zwei Monate später ist der erste Adventskalender rausgegangen.

Und das war echt unglaublich, weil wenn ich mir die Videos heute anschaue, denke ich mir: grottenschlecht. So schlimm! Wirklich.

Lilli: Ja, irgendwie muss man immer starten. 

Katrin: Genau. Aber so habe ich auch echt wieder viel dazu gelernt. Und jetzt ist es natürlich ganz anders. Es sind ganz andere Videos, ganz anderer Vorgang, was ich da jetzt mache. Und ja, ich weiß einfach, alle haben mir einfach danke geschrieben, du hast mir diese Weihnachtszeit gerettet.

Du hast mich da durchgebracht. Und ja, das macht einem echt sehr dankbar. Und ich sehe auch in jedem Wunsch immer meine Schwester. Ich denke mir dann immer so, das wäre genau das, was sie sich für die Menschen gewünscht hätte. Also mache ich das, ja. 

Lilli: Na schön. Ich wollte dich noch fragen, wie du mit Medien, Social Media und diversen Kommentaren umgehst. Du hast gesagt, es war schon 2013 so, dass die Medien berichtet und die Leute dann dort kommentiert haben. Weiß ich nicht, vielleicht hat es auch irgendwelche Gerüchte gegeben oder die Leute reimen sich irgendwas zusammen und so.

Da kann ich mir vorstellen, dass das dann natürlich noch zusätzlich wahnsinnig belastend ist und man noch mehr so einen Kontrollverlust führt. Und heute teilst du ja viel Content über Femizide, Patriarchat et cetera. Und wenn ich mir da alleine nur bei Zeit im Bild auf Instagram die Kommentare dazu durchlese, wo die Leute

Katrin: Wird dir schlecht.

Lilli: schreiben, ja, wirklich, „das gibt es nicht“, „das ist ein Blödsinn“ und hin und her. Wie gehst du damit um? Ja, erzähle mal.

Katrin: Damals hat es mich schon wirklich rasend gemacht. Ich habe ja kurz erwähnt, dass da die Leute sehr aggressiv kommentiert haben und so. Hinsichtlich Todesstrafe, das wünsche ich mir und das. Dieser Hass einfach. Ich finde das so schwierig auszuhalten, weil man muss sich vorstellen, ich bin ja die Angehörige.

Mir ist damals passiert. Und natürlich ist es ganz normal, dass ich Wut und auch Hass dann als Angehörige verspüre. Sie war meine Schwester. Und natürlich habe ich dann einen Hass auf diesen Mörder jetzt zum Beispiel gespürt.

Aber das Problem bei Hass, bei so einem Gefühl, ist, es ist so krass stark. Es nimmt dich so ein. Es verändert dich komplett. Und es macht dich nicht glücklich. Es vergiftet dich einfach von innen. Und du kannst nicht wirklich leben, irgendwie Glück verspüren oder so.

Und dann war es wirklich so mein größter Wunsch, ich muss diesen Hass irgendwie aus mir rauskriegen, weil ich werde zugrunde gehen, wenn ich das zulasse und die ganze Zeit nur von diesem Hass eingenommen werde. Und da habe ich echt so viel, hart und lange dran gearbeitet.

Und dann ist es aber umso schwieriger, weil dann Menschen auf der Straße auf einen zukommen und sagen: dieser Wixxer. Und so richtig aggressiv sind und da wieder mit einer Ladung Hass. Und dann kommen sie mit Ausländer und was weiß ich was wieder daher. War echt schon verdammt schwierig für mich.

Und dann natürlich die Kommentare. Ich denke mir oft, diese Jobs, also Leute, die den ganzen Tag auf diese Kommentare eingehen müssen, bist du deppert, möchte ich den Job nicht haben. Und wenn ich das heute sehe, macht es mich traurig.

Und ich denke mir, ich empfinde fast schon Mitleid mit den Menschen, weil ich weiß, wie vergiftet die schon sein müssen mit so einer Aggressivität in sich. Glücklich sind sie sicher nicht, definitiv nicht. Und ich finde, Medien tragen da natürlich auch viel dazu bei, wie sie schreiben und so.

Wie gesagt jetzt nochmal, wenn wir dieses Beispiel über Ausländer nehmen, wenn jetzt da jemand die Frau ermordet oder so und dann nicht „Serbe ermordet junge Frau“ oder was weiß ich, sowas hinschreiben. Das schürt ja schon wieder genau diese Hetze. Und da fängt es ja schon an.

Diese Kommunikation von Medienseite muss sich da ändern und, ja, einfach auch anders berichten. Und ja, diese Hasskommentare, ich weiß nicht, ob sie dann weniger werden oder so, aber vielleicht beruhigt es sich mit der Zeit doch ein bisschen mehr oder so, wenn ich anders darüber berichte.

Aber es ist auch gerade diese Stimmung grundsätzlich da, dass ein Wandel passiert und viele Frauen aufstehen, sich wehren und so. Und ja, da kommen wir wieder hin. Und viele können nicht damit umgehen, fühlen sich gekränkt, obwohl es jetzt gerade nicht direkt mit ihrer Person zu tun hat.

Wir wünschen uns ja auch nicht, dass die Männer jetzt alle unterdrückt werden und wir nur an der Spitze stehen.

Lilli: Das glauben aber viele, oder?

Katrin: Ja, das glauben immer extrem viele, ja. Ich habe auch selber die ganze Zeit immer wieder die Kommentare gehört, so wenn ich sage, meine Schwester ist ermordet worden und so und Frauenmorde und Ding sind einfach ein Problem. Ja, aber Männer werden auch ermordet. Ist immer so die Antwort.

Ja, aber darum geht es jetzt nicht. Das ist wieder ein anderes Thema. Es ist eine andere Thematik, es hat einen anderen Hintergrund. Sie werden aus anderen Gründen ermordet. Du kannst auch nicht sagen: ja, aber Schimpansen sterben auf der und der Insel, weil sie wegen irgendwas verfolgt werden.

Keine Ahnung, ist ja jetzt wurst. Immer dieses Nebeneinanderstellen. Das funktioniert nicht. Und das passiert auch ganz oft, gerade bei Frauenmorden. aber Männer werden ja auch. Anstrengend.

Lilli: Ja, aber Männer werden ja auch größtenteils von Männern ermordet.

Katrin: Ja, genau, ja. Das ist ein ganz anderer Hintergrund. 

Lilli: Und ich habe auch mal gehört, man soll nicht „Gewalt an Frauen“ sagen, sondern „männliche Gewalt an Frauen“. Weil dieses wer der Täter ist, wird immer so weggelassen. 

Katrin: Ja.

Lilli: Der Fokus liegt immer auf den Frauen. Was hat die angehabt? Was hat die gemacht? Warum hat sie ihn verlassen? Hat sie ihn leicht betrogen? Und so weiter. Und niemand redet aber über die Täter oder das Problem an sich

Katrin: Ja.

Lilli: dass Männer viele Gewalttaten begehen und warum sie die begehen. Ich finde

Katrin: Total.

Lilli: Es redet einfach niemand drüber und macht drauf aufmerksam. Deswegen bewundere ich dich so dafür, dass du wirklich seit Jahren dich dafür einsetzt und dir diese schwere Aufgabe zugeschrieben hast.

Und da kann ich mich auch erinnern, dass du gesagt hast, während Corona war ja die häusliche Gewalt ein beliebtes Argument gegen die Corona-Maßnahmen. Wenn alle zuhause sind, dann gibt es automatisch mehr häusliche Gewalt. Und deswegen sollten wir keinen Lockdown haben.

Und da hast du auch gesagt: ich bin gespannt, ob sich die ganzen Leute, die sich da jetzt so dafür interessieren, sich auch nach Corona noch für häusliche Gewalt einsetzen werden. Und ob die nicht mitbekommen haben, dass häusliche Gewalt nicht durch Corona hervorgerufen wird, dass es das davor auch schon gegeben hat.

Katrin: Ja, und danach genauso geben wird. Und wie du sagst

Lilli: Genau.

Katrin: sie verwenden das, nur um aus ihrem Lockdown rauszukommen, damit sie Essen gehen können. Aber in Wahrheit interessiert sie das überhaupt nicht, was da passiert. Und danach interessiert es sie nicht, ja. Genau so.

Lilli: Genauso mit psychischen Erkrankungen oder so.

Katrin: Ja, genauso, ja. Das ist auch etwas, was es vorher genauso gegeben hat und die Probleme mit dem Platzmangel und so weiter hat es auch schon lange gegeben. Hat keine Sau interessiert. Jetzt wollen alle unbedingt Essen gehen, auf einmal interessiert es jeden. So ungefähr. Nein, voll bescheuert.

Lilli: Ja, es ist so. Und bekommst du auf deinen eigenen Kanälen auch Hasskommentare? Oder ist es eher so, dass die Leute gar nicht so wirklich zu dir finden, die so denken?

Katrin: Direkt Hasskommentare habe ich, ich glaube, einen oder zwei. Solche Kommentare habe ich wirklich bis jetzt niemals gekriegt. Und das hinsichtlich meines Buches. Also mein erstes Buch.

Da war zum Beispiel ein Kommentar und da habe ich auch mit Absicht darüber geschrieben, wo ich das Buch Larissas Vermächtnis in der Hand gehalten habe und drauf gelacht habe. Und da ist so ein Kommentar: ja, wie kannst du nur? Was bist du für eine gestörte Person? Wirklich auch so richtig böse.

Was bist du für eine gestörte Person, dass du überhaupt lachen kannst, wenn du so ein Buch in der Hand haltest? Weil ich dürfte nicht mehr lachen. Hat alles verstanden. Aber da habe ich zum Beispiel meine Community gehabt. Ich habe nicht einmal antworten müssen.

Bis ich das überhaupt gesehen habe, haben schon 30 andere Leute drauf kommentiert und gesagt: du hast ja keine Ahnung, was sie erlebt und durchgemacht hat. Lies erstmal das Buch und dann kommentiere. So ungefähr.

Und sonst habe ich auch noch wegen dem Buch mal eine Nachricht gekriegt, dass ich das Buch nur geschrieben habe, um Geld zu machen, dass das unter aller Sau ist, dass ich das überhaupt veröffentliche und so. Ich soll gefälligst im Stillen trauen und die Klappe halten. So ungefähr.

Das hat mich richtig getroffen. Das war ziemlich heftig geschrieben. Und das war eines von den ersten Kommentaren. Und man bereitet sich ja so irgendwie vor. Man weiß irgendwie, es kommt sicher oder so. Aber wenn es dann kommt, dann trifft es einem schon emotional sehr heftig.

Die Leute wissen auch oft nicht, was oft so ein paar Worte echt anrichten können. Ich habe echt geweint und es war heftig. Aber ja, natürlich, da musst du drüberstehen und Abstand nehmen, weil das ist jetzt eine Person gewesen. Und sich auch immer wieder bewusst machen, das hat nichts mit mir, sondern etwas mit ihm zu tun.

Und wenn ich jetzt rund um diese Femizide oder sowas schreibe, dann kriege ich ab und zu von Männern Nachrichten, wo immer drinsteht, Männer werden ja auch umgebracht. Oder Männer erleben ja auch Gewalt. Das ist immer so das häufigste Nachrichtending, was ich kriege.

Aber so direkt, dass ich jetzt darauf irgendeinen Hass oder so, bis jetzt noch nicht. Muss ich sagen. Aber ich denke, irgendwann wird es kommen. Muss man durch das richtige Ding treffen. Ja.

Lilli: Und was machst du dann, wenn dir mal die Kraft fehlt oder so betroffen bist? Du hast jetzt schon gesagt, ja, du weinst dann und ziehst dich zurück.

Wie gehst du sonst noch damit um, wenn die merkst, uff, jetzt wird es mir zu persönlich oder ich habe heute keine Lust darüber zu reden? Oder ist das so stark in dir drinnen, dass du sagst, das ist voll der Antrieb für mich, über dieses Thema immer wieder zu sprechen?

Katrin: Wenn mich etwas so trifft und es emotional für mich einfach auch anstrengend ist, dann weine ich. Dann haue ich mich richtig in die Trauerwelle rein und surfe eine Runde, sage ich mal. Und was ich natürlich auch immer mache, ist trainieren. Eh klar.

Das ist dann immer so mein Anker, einfach mir selber Raum und Zeit für das Ganze geben. Und dann auch dieses Bewusstmachen, es hat nichts mit mir zu tun. Es hat etwas mit deren Geschichte zu tun.

Sowas hilft mir dann auch immer ganz stark. Und natürlich, es motiviert mich, weiterzumachen, aber dadurch, dass es auch echt Kraft kostet, vor allem, wenn man selber mit dem Ganzen auch so betroffen ist, dann schaue ich schon immer, dann mache ich weniger und dann kommt mal kein Posting oder so.

Ich bin jetzt auch nicht so, dass ich jeden Tag. Das ist auch extrem schwierig für mich, dadurch dass ich zwei Kanäle, den Seelensport und Katrin als Autorin, wo ich darauf hinweise, habe. Und das alles gleichzeitig zu managen, braucht einfach viel Kraft.

Und da schaue ich dann immer, dass ich einfach in meinem Tempo und langsamer mache. Und dann, wenn ich wieder genug Kraft habe, kommt wieder das nächste. Ja. 

Lilli: Auch so antikapitalistisch. 

Katrin: Ja, genau. 

Lilli: Eine andere Arbeitswelt, ja.

Was kannst du denn Unternehmer*innen mitgeben, die entweder in sozialen Bereichen gründen wollen oder die sagen: mein Thema ist jetzt nichts Soziales, aber ich würde mich trotzdem gerne mehr zu gesellschaftlichen Themen äußern, wie zum Beispiel Sexismus, Rassismus, Kapitalismus und die ganzen Ismen, die es da gibt. 

Katrin: Generell, wenn man ein Unternehmen gründen will, machen, sich wirklich trauen. Und auch, wenn man merkt, es überfordert mich, ich kenne mich einfach null aus, sich wirklich auch Hilfe bei jemanden holen, der sich mit dem Thema auskennt.

Ich weiß ja nicht, wenn jetzt jemand sagt: dieses Online-Marketing ist gar nichts für mich, dann jemanden suchen, der sich auskennt und es mal erklärt. Es muss ja nicht immer gleich, was weiß ich, Vollzeit-Angestellter von Anfang an schon sein. Das kann ja mal eine Stunde bei irgendjemanden sein oder so, wo man es ein bisschen erklärt kriegt.

Ja, da das abgeben und jemanden suchen, der Experte ist und sich in der Sache Hilfe holen. Das habe ich am Anfang auch viel zu wenig gemacht, muss ich sagen. Da hätte ich eigentlich viel mehr Geld investieren sollen, um auch mehr zu verstehen. Es passieren dann viele Fehler, wenn du dich immer selber reinfuchst oder so.

Und du kannst nicht überall Experte sein. Ist so. Ja, und wenn man irgendwas in Richtung spezielle Themen machen will, dann wirklich auch die eigenen Grenzen setzen. Wenn man das Bedürfnis hat, ich will da meinen Beitrag leisten, natürlich machen, aber sich auch immer wieder bewusst machen, ja, ich darf mich auch mal rausnehmen.

Ich darf auch mal eine Grenze setzen, eine Pause machen und so weiter. Also sich da auch nicht zu sehr reinsteigern, weil es auch echt anstrengend sein kann, weil sehr viel Gegenwind kommen kann. Es gibt natürlich viele Stimmen, die dich dann unterstützen und sagen: super. Aber der Gegenwind kann sehr anstrengend sein.

Und da muss man echt gut auf sich schauen. Ich rate jedem, da nicht zu viel zu machen, weil es fühlt sich dann oft wie so eine Sisyphusarbeit an, ja.

Lilli: Ich habe gerade in meinem letzten Interview über das Aktivismus-Burnout gesprochen. Wenn man da

Katrin: Ja.

Lilli: zu viel, ständig drinnen ist, dass das dann auch schnell Folgen haben kann, ja.

Katrin: Volle. Und du siehst ja dann auch praktisch nur noch das, was sich noch nicht verändert hat. Das ist dann auch gefährlich. Du siehst dann nur das Ding. Und ja, und dann fühlst du dich natürlich auch kraftlos, weil du dir denkst: für was mache ich das überhaupt? Ich habe auch immer wieder solche Situationen.

Und ich habe aber zum Beispiel meine eigenen Punkte gefunden, wo ich zum Beispiel sage, aber schau, ich lebe in einer Beziehung, die ist komplett gleichwertig. Es gibt solche Männer noch. Und ich versuche dann immer diese Männer zum Beispiel aufzuzählen.

Weil wenn ich so drinnen bin, dann meinst du wirklich, es sind alle keine gescheiten Männer oder so. Aber gibt es ja doch. Und du musst du dich immer wieder aus dieser Blase rausnehmen und sagen: es gibt auch noch andere. Schauen wir mal da hin. Weil das tut dann echt gut.

Lilli: Genau, voll gut. Danke für den Tipp. Gut. Du bist gerade zum ersten Mal mit einem Sohn schwanger. Herzlichen Glückwunsch nochmal.

Katrin: Dankeschön. 

Lilli: Und du hast auch geteilt, und das sehe ich wirklich genauso wie du, dass die Leute dann fragen: naja, und was wird es? Bub oder Mädchen? Und viele Leute sagen dann: na, egal, Hauptsache gesund.

Und dass es aber natürlich schon irgendwo einen Unterschied macht, ob ich jetzt ein Mädchen oder einen Bub bekomme. Einfach mit dem Hintergrundwissen über diese ganzen Geschlechterstereotypen, -rollen und was es da eigentlich alles noch zu tun gibt.

Wie wird dieses ganze Wissen um toxische Maskulinität und so weiter deine Erziehung beeinflussen? Oder was können Eltern generell tun, um dem von Anfang an entgegenzuwirken? Weil es beginnt ja zuhause, in der eigenen Familie, oder?

Katrin: Total. Das war von Anfang an, schon bevor ich schwanger geworden bin, für mich ein Thema, wo ich gesagt habe, das wird für mich sicher mal herausfordernd, weil ich auch als Betroffene drin bin.

Ich bin ja nicht nur die Person, die sich Veränderung wünscht, sondern ich habe da etwas ganz Schlimmes erlebt, was einfach echt ein Trauma ist. Und das betrifft ja jetzt auch meine Schwangerschaft. Ich kriege einen Sohn.

Und das macht was mit mir, weil ich habe ja zum Beispiel auch extreme Angst vor Männern, die irgendwie in dem Alter sind, in dem der Mörder war und so weiter. Wenn jemand Verhaltensmuster aufweist, dann tu ich mich da noch immer extrem schwer.

Oder? Durch die Schwangerschaft bin ich jetzt wieder in Therapie, weil ich einfach gesagt habe, ich will da hinschauen und schauen: was kann ich da noch mehr tun? Das ploppt natürlich einfach auf. Und wenn es ein Mädel gewesen wäre, wäre es wieder in die andere Richtung gegangen. Auch mit der Angst um das Mädel dann und so.

Und jetzt beschäftigt es mich viel, was kann ich tun, damit dieser Junge kein Täter wird? Was kann ich tun, damit er wirklich respektvoll umgeht? Und da hilft mir natürlich jetzt die Therapie auch ganz viel. Mich wirklich bewusst hinzusetzen, das zu reflektieren, nochmal hinzuschauen: was kann ich denn selber tun?

Und mir auch immer wieder bewusst zu machen, auch ich als Eltern kann selber sehr viel tun. Ich kann mich aufklären, darüber lesen, zum Beispiel auch eine Therapie machen. Und wenn ich da merke, dass es emotional irgendwie anstrengend ist. Ich kann Podcasts und so weiter hören.

Menschen, die schon in dem Thema drinnen sind, vielleicht auch einfach mal zuhören und dann kann ich meinen Beitrag einfach am meisten dazu leisten, finde ich, indem ich es vorlebe. Es bringt nichts, wenn ich einem Zweijährigen einen Vortrag halte, wie alles auf der Welt vor sich geht oder so, sondern es vorlebe.

Und da sind wir als Eltern natürlich voll verantwortlich. So wie ich mit meinem Partner kommuniziere und er mit mir, so wie wir uns im Alltag aufteilen, egal wie wir das bei der Arbeit managen, beim Essen, Kochen, Putzen und so weiter. Das kriegt er dann mit. Das prägt ihn am meisten.

Und vor allem auch die Kommunikation miteinander Und natürlich auch die Kommunikation mit anderen Menschen, aber auch das Reden über andere Menschen. Was sage ich über andere? Verwende ich diese Floskeln, Sätze und so? Dann kann ich natürlich ganz viel im Thema Klamotten oder zum Beispiel Spielzeug machen.

Da schauen: welchen Bücher lasse ich mein Kind lesen? Und welche nicht? Es gibt ja mittlerweile auch sehr moderne Bücher mit ganz viel Diversität drinnen, also bunt gemischt und so. Nicht mehr diese eine klassische, wie es vor 100 Jahren so war.

Solche Sachen kann ich schon selber auch machen, aber mir trotzdem auch bewusst sein, ich kann nur einen Beitrag leisten und der Rest ist die Gesellschaft, die da auch noch einwirkt. Alles kann ich natürlich nicht handlen.

Und ich finde es dann auch immer ganz schlimm, das habe ich auch damals bei dem Mörder meiner Schwester gefunden, dass wenn sowas passiert, nur die Mutter praktisch schuld ist. Was muss der für Rabenmutter haben und so weiter? Solche Kommentare. Da ist ja dann auch wieder nur die Frau.

Vater ist ja wurst, ob der existiert oder nicht. Das ist natürlich nicht so. Es bedeutet nicht, dass man ein Mörder wird oder zu einem Täter wird, nur weil man vielleicht in der Erziehung irgendwas nicht so mitgekriegt hat, in die Richtung. Aber ich kann einen Beitrag dazu leisten. Und das eigentlich echt in vielerlei Hinsicht. Ja.

Und das sollte auch jeder. Und wenn das jeder so machen würde, ja, dann könnten wir es in ein paar Jahren wirklich hinkriegen, dass das vielleicht besser wird. Ja. 

Lilli: Glaubst du, dass unsere Generation das durchbrechen wird?

Katrin: Ich glaube, dass definitiv eine gute Chance drin liegt, ja. Ich weiß nicht, ob ich da nur wieder in meiner Bubble bin, das ist natürlich schwierig so zu beurteilen, weil ich habe jetzt im Freundeskreis natürlich auch nur Menschen, die mir ähnlich sind.

Wenn ich dann wieder andere sehe oder bestimmte Gespräche höre, denke ich mir wieder, die Welt ist verloren. So ungefähr. Aber ich glaube, so lange es zumindest solche Menschen gibt, wie wir, die dafür kämpfen und sich dafür einsetzen und verändern, gibt es auf jeden Fall Hoffnung, dass es so sein wird. Definitiv, ja.

Lilli: Super. Das ist das perfekte Schlusswort, liebe Katrin. Wo können wir dich denn online finden? Und was bietest du aktuell an, wenn jetzt jemand mehr über Seelensport wissen möchte?

Katrin: Meine Website seelensport.at. Meine zwei Bücher: Larissas Vermächtnis und Seelensport. Ich bin da auf Instagram unter katyeule und seelensport zu finden. Immer Seelensport. Oder auf Facebook zum Beispiel.

Und im Moment biete ich selber, rein von der Arbeit, gerade natürlich nichts mehr, weil ich schwanger bin und der kleine jetzt im August, im Sommer dann kommt. Aber die Trainer*innen, die am Start sind, bieten weiterhin Onlinekurse an, aber auch Vor-Ort-Kurse.

Und definitiv im Winter wieder den Adventskalender. Der ist fix, der kommt wieder. Genau.

Lilli: Super. Habe ich alles notiert und werde ich gerne in den Shownotes verlinken. Liebe Katrin, vielen Dank, dass du bei mir zu Gast warst. Ich finde, du bist so eine unglaublich starke, reflektierte und inspirierende Persönlichkeit.

Natürlich durch alles, was du erlebt hast, aber einfach was du daraus gemacht hast und dass du jetzt heute so ein Leuchtturm oder Hoffnungsschimmer für ganz viele trauernde Menschen bist oder die vielleicht auch was noch Schlimmeres erlebt haben.

Ja, das wollte ich einfach nochmal wertschätzen. Und ich freue mich wahnsinnig, dass du bei mir warst. Und vielen Dank.

Katrin: Ja, danke dir.

Links:

Zur Podcast-Folge mit Transkript und Bildern: https://lillikoisser.at/35/ 

Katrin Biber und ihre Bücher „Larissas Vermächtnis“ und „Seelensport“: https://www.katrin-biber.com/ 

Seelensport: https://www.seelensport.at/ 

Seelenlauf jedes Jahr am 20. Juni: https://www.seelensport.at/seelenlauf/ 

Univ.-Prof. Dr. med. Reinhard Haller (Tipp von Katrin): https://www.reinhardhaller.at/ 

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